ASMR und klassische Musik:
Eine explorative Studie zu neurophysiologischen und psychologischen Effekten audiovisueller Stimuli
by Dr. Michael Bühler
Ein neuer Blick auf Musik, Klang und Emotion – Start einer Forschungsreise
Die Stiftung Classic Now startete gemeinsam mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (Zentrum für Depression, Angstzustände und Burn-out) ein innovatives Forschungsprojekt, unterstützt durch einen Innosuisse Innoscheck.
In dieser interdisziplinären Studie wollten wir untersuchen, wie ASMR-Stimuli und klassische Musik neurophysiologisch wirken – und ob sich daraus ein zeitgemässes Vermittlungsformat entwickeln lässt, das präventiv Stimmung aufhellen oder aber auch therapeutisch genutzt werden könnte.
Zum Einsatz kamen dabei EEG- und EKG-Messungen, qualitative Interviews und Stimmungsbefragungen. Die Teilnehmenden wurden sowohl unterschiedliche ASMR-Sounds als auch klassische Musik vorgespielt – rein auditiv oder in audiovisueller Form.
Wir werden hier über den Verlauf berichten: über erste Beobachtungen, über neue wissenschaftliche Erkenntnisse und darüber, wie Klangwelten unser emotionales Erleben formen könnten.
Wir freuen uns darauf, diese Reise mit euch zu teilen – und laden euch ein, die Entwicklung neugierig zu begleiten
Ein Blick hinter die Kulissen:
So lief unsere Studie ab
by Dr. Michael Bühler
Für das Forschungsprojekt wurden 15 Teilnehmende nach zentralen soziodemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, musikalischen Vorlieben oder Sensitivität ausgewählt.
Den Probanden wurden für das Experiment im Labor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich randomisierte Stimuli vorgespielt, bestehend aus:
- 10 ASMR-Sounds – geclustert aus den 50 meistgesehenen Videos auf YouTube (u. a. Flüstern, Streichen, rhythmische Geräusche). ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) bezeichnet eine wellenartige Kribbel- oder Entspannungsreaktion, ähnlich der Gänsehaut, die beim weit verbreiteten Konsum entsprechender Social-Media-Videos durch sanfte Geräusche, leises Flüstern oder visuelle Reize ausgelöst wird.
- Klassischer Musik – vier einzelne Sätze unterschiedlicher Epochen (Barock, Klassik, Romantik), Charaktere, Tempi und Instrumentalisierung, je zur Hälfte rein auditiv oder audiovisuell umgesetzt. Die Auswahl der Werke erfolgte auf Grund der emotionalen Charakterisierung auf der Grundlage des zweidimensionalen Circumplex-Modells der Affekte (Russel, 1980). Die Audiofiles wurden vor der Präsentation technisch vereinheitlicht, um unbeabsichtigte Variabilität in Lautstärke, Dynamik oder Klangqualität auszuschliessen.
Die Messungen fanden im Labor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich statt.
Dort erfassten wir gleichzeitig EEG (64 Kanäle zur Messung der Hirnaktivität) und EKG (Herzaktivität).
Währenddessen erhoben wir das emotionale Erleben über Fragebögen (Multiple Choice, Likert-Skalen, offene Fragen), jeweils vor, während und nach den Stimuli.
In der Auswertung wurden physiologische Messdaten, quantitative Fragebogendaten und qualitative Kommentare zusammengeführt – um zu verstehen, wie Klang auf Körper, Gehirn und Emotion wirkt.
Die Vor-Studie soll erste wissenschaftliche Hinweise darauf liefern, ob die Kombination von ASMR-Sounds und klassischer Musik als präventiv oder therapeutisch genutztes Vermittlungsformat vielversprechende Effekte zeigt, die in weiteren Studien vertieft werden müsste. Zudem entsteht im Rahmen des Projekts eine begleitende Masterarbeit.
Überraschende Ergebnisse Teil 1:
Allgemeine Erkenntnisse
by Dr. Michael Bühler
Was passiert, wenn Menschen in einem nüchternen Laborraum Klänge hören, die sie noch nie zuvor gehört haben – oder vertraute Musik, die seit Jahren Teil ihres Lebens ist? Unsere Studie zeigt: Erstaunlich viel.
- 71,4 % der Teilnehmenden berichteten eine spürbare Veränderung ihres Befindens – und das in einer Umgebung, die alles andere als atmosphärisch ist. Klang wirkt also direkter und kraftvoller auf das emotionale System, als wir gemeinhin annehmen.
- Besonders eindrucksvoll ist der Unterschied zwischen reinem Hören und audiovisuellem Erleben:
Sobald Klänge mit Bildern kombiniert werden, steigen körperliche und emotionale Reaktionen deutlich an – sowohl bei ASMR als auch bei klassischer Musik. Bei ASMR lösten audiovisuelle Stimuli deutlich häufiger Tingling – ein feines, gänsehautähnliches Kribbeln – aus als rein auditive; bei klassischer Musik berichteten 30 % der Teilnehmenden ein solches Kribbeln bei audiovisuellen Darbietungen, gegenüber nur 13,3 % bei rein auditiven. - Ein Blick auf das Alter zeigt ein überraschendes Muster:
Keine einzige Person über 50 Jahre verspürte das typische ASMR-Kribbeln. - Gleichzeitig reagierten ältere Teilnehmende stärker auf klassische Musik: 31,3 % berichteten körperliche Empfindungen, verglichen mit 18,2 % bei jüngeren Personen.
Das könnte an der fehlenden emotionalen Verbindung (resp. Sozialisierung) zu klassischer Musik liegen – oder daran, dass ASMR-Geräusche häufig hohe Frequenzen enthalten, die mit zunehmendem Alter schwerer wahrnehmbar sind. - Eine der zentralen neurophysiologischen Erkenntnisse betrifft die Herzratenvariabilität (HRV):
Personen mit hoher HRV, also einem entspannten Ausgangszustand, reagierten besonders intensiv. Sie berichteten häufiger über eine Stimmungsaufhellung, und HRV korrelierte positiv mit einer Verbesserung der Stimmung (r = 0.25; p < 0.08).
Mit anderen Worten: Wer entspannt ist, fühlt stärker. - Schliesslich zeigte sich, dass das Tingling meist am Kopf (30,4 %), Hals (13 %), Brust (13 %) oder an den Händen (13 %) auftritt, oft beidseitig oder stärker auf der rechten Körperseite.
Ein eindrucksvoller Hinweis darauf, dass Klang nicht nur gehört wird – sondern den ganzen Körper erreicht. - Der zentrale Befund: Entspannung ist der Schlüssel
Unsere Daten zeigen einen klaren Zusammenhang:
Je entspannter eine Person vorab (parasympathisch dominiert), desto angenehmer und intensiver erlebt sie ASMR und klassische Musik.
Das deckt sich mit Forschungsbefunden zum Einfluss des Vagusnervs auf emotionale Klangverarbeitung (Park & Thayer, 2014).
Für zukünftige Anwendungen bedeutet das:
Ein kurzer „Reset“ vor dem Hören – etwa Atemübungen, visuelle Ruhe oder leichte Entspannungsreize – könnte die emotionale Wirkung erheblich verstärken.
Das war aber noch lange nicht alles …
Wir bleiben dran – und nehmen euch weiterhin mit auf diese faszinierende Forschungsreise.
ASMR and Classical Music
Überraschende Ergebnisse – Teil 2
by Dr. Michael Bühler
Unsere aktuelle Studie zeigt eindrücklich:
ASMR und klassische Musik aktivieren das emotionale und körperliche Erleben auf völlig unterschiedliche Weise. Und genau darin liegen die spannenden Erkenntnisse.
Ein paar weitere Highlights:
ASMR polarisiert.
Die Mehrheit der Teilnehmenden empfand typische ASMR-Sounds (Flüstern, Essgeräusche) als unangenehm oder nicht entspannend – und dennoch erlebten 30,7 %das charakteristische ASMR-„Tingling“, dieses feine, gänsehautartige Kribbeln.
- Die Vermittlung ist entscheidend
Audiovisuelle ASMR-Stimuli lösten das Kribbeln deutlich häufiger aus als rein auditive. Nähe, Blickkontakt und Kontext scheinen zentrale Trigger zu sein. - ASMR wirkt – aber individuell
Wie schon Barratt & Davis (2015) beschrieben, zeigte sich auch bei uns ein genereller Stimmungsanstieg – allerdings mit extremen individuellen Unterschieden. - Nicht jeder Klang ist gleich
Während viele klassische ASMR-Reize irritierten, wirkten sanfte, taktile Klänge (z. B. Pinsel am Mikrofon) deutlich häufiger beruhigend.
Eine mögliche Erklärung: Ähnlichkeiten zum sogenannten affective touch, der parasympathisch regulierend wirkt. - Alter, Geschlecht und Nervensystem machen den Unterschied.
Frauen reagierten emotional differenzierter.
Männer berichteten häufiger Tingling.
Jüngere Personen erlebten ASMR intensiver.
Besonders spannend: Personen mit hoher Herzratenvariabilität (HRV) – also einem entspannten Grundzustand – profitierten deutlich stärker.
Entspannung verstärkt also die Wirkung von Klang.
ASMR bleibt ein faszinierendes, teilweise rätselhaftes Phänomen zwischen Klang, Körper und sozialer Wahrnehmung.
Wir bleiben dran – und nehmen Euch gerne weiter mit auf diese Forschungsreise.
Stiftung Classic Now
ASMR and Classical Music
Überraschende Ergebnisse – Teil 3
by Dr. Michael Bühler
Während ASMR stark polarisiert, zeigt klassische Musik in unserer Studie ein deutlich stabileres, angenehmeres Wirkungsmuster.
Auch hier verstärkten audiovisuelle Darbietungen körperliche Reaktionen:
30 % der Teilnehmenden erlebten Tingling bei Musikvideos – gegenüber 13,3 % bei rein auditiver Musik.
Diese Zahlen überraschen – und deuten an, dass der visuelle Kontext ein entscheidender Teil des emotionalen Erlebens sein könnte.
Dazu kommt:
Die audiovisuelle Präsentation löste am stärksten ausgeprägte Tingling-Reaktionen aus – sowohl beim Spitzenwert als auch im Durchschnitt.
Tingling durch klassische Musik – fast so häufig wie durch ASMR
Während 26.7% der Teilnehmenden Tingling bei ASMR spürten, waren es bei klassischer Musik immerhin 21.7%.
Interessante Gruppenunterschiede
- Musizierende: finden klassische Musik angenehmer, tingeln aber seltener (16.7%) als Nicht-Musizierende (22.9%).
Hypothese: Musizierende hören analytischer, was emotionale Spitzen etwas „glättet“. - Nicht-Klassikhörende: tingelten stärker und häufiger bei klassischer Musik (bis 27.3%), fanden sie aber insgesamt weniger intensiv angenehm.
Das kann daran liegen, dass Klassikhörende eine höhere Erwartungshaltung haben und Musik emotional «tiefer» erleben und stärker in den emotionalen Sog geraten. - Ältere Teilnehmende: zeigten die deutlich höchsten Tingling-Werte (31.3%) – stärker als bei jüngeren Personen (18.2%).
Ein möglicher Grund dafür liegt in der jahrzehntelangen musikalischen Sozialisation, die zu einer tieferen emotionalen Resonanz führt.
Das zeigt, dass klassische Musik – selbst für Personen, die sonst keine Klassik hören – tiefgreifende körperlich-emotionale Reaktionen hervorrufen kann.
Klassische Musik wirkt also nicht nur kognitiv oder ästhetisch, sondern unmittelbar physiologisch – ähnlich wie moderne ASMR-Reize, nur subtiler und nachhaltiger.
Und was ist aus all diesen überraschenden und spannenden Erkenntnissen zu schliessen?
Bleibt dran
Stiftung Classic Now